Die Eigentumswohnung (ETW)

Zwischen individueller Freiheit und kollektiver Abhängigkeit

Der Erwerb einer Immobilie ist immer auch eine Entscheidung für ein bestimmtes Maß an Freiheit, Verantwortung und Risiko. Die Unterschiede zwischen Miete, Eigentumswohnung und Einfamilienhaus sind grundlegend – und werden häufig unterschätzt. Jede dieser 3 Wohnform hat ihre individuellen Vor-/ und Nachteile. Wir haben die Wohnformen für Sie verglichen.

Wohnformen im Vergleich

Aspekt Mietwohnung Eigentumswohnung (WEG) Einfamilienhaus
Kostenstruktur Planbar, Reparaturen trägt der Vermieter Finanzierung + Hausgeld + Umlagen Alleinverantwortung Finanzierung + alle Instandhaltungen
Flexibilität Hoch (kurze Kündigungsfrist) Mittel (Verkauf erforderlich) Niedrig (starke Ortsbindung)
Entscheidungsfreiheit Gering (Vermieter bestimmt weitgehend) Eingeschränkt durch WEG-Beschlüsse Weitgehend alleinige Entscheidungsfreiheit
Verantwortung Niedrig Hoch (aber: kollektive Verantwortung) Vollständig (im Rahmen der Gesetze) beim Eigentümer
Risikoprofil Mietanpassungen Kostenbeteiligungen, Sonderumlagen, Mehrheitsentscheidungen Sämtliche Kosten- und Sanierungsrisiken beim Eigentümer

Die Eigentumswohnung nimmt eine Zwischenstellung ein: mehr Sicherheit und zus. Vermögensbildung als die Miete, aber erheblich weniger Autonomie als das Einfamilienhaus.

I. Wohnungseigentum ist Gemeinschaftseigentum

Mit dem Kauf erwerben Sie Sondereigentum an Ihrer Wohnung und einen Miteigentumsanteil am Gemeinschaftseigentum. Tlw. auch ein Sondernutzungsrecht bestimmter Bauteile. Wichtig: Entscheidungen über das Gemeinschaftseigentum trifft die Gemeinschaft – nicht der Einzelne.

Beschlüsse werden in den meisten Fällen mit einfacher Mehrheit gefasst. Bei bestimmten Maßnahmen gelten strengere Anforderungen, dennoch ist die Bindungswirkung von Mehrheitsentscheidungen für viele Käufer überraschend hoch.

II. Machtverhältnisse in der WEG: Der unterschätzte Faktor

Achtung: Besitzt ein einzelner Eigentümer oder eine Investorengruppe die Mehrheit der Stimmrechte in der WEG, kann diese faktisch allein über die WEG entscheiden!

In vielen Gemeinschaften – insbesondere bei Neubauten oder umgewandelten Mietwohnungen – hält ein Investor oft mehrere Einheiten. Je nach Stimmrechtsregelung (Kopfprinzip oder Miteigentumsanteile) bedeutet dies:

  • Kontrolle über Instandhaltungsmaßnahmen
  • Durchsetzung eigener wirtschaftlicher Interessen
  • Bestimmung der Hausverwaltung
  • Beschlüsse auch gegen die Interessen einzelner Eigennutzer

Rechtlich ist dies zulässig. Praktisch kann es jedoch dazu führen, dass einzelne Eigentümer kaum Einfluss auf Entscheidungen (Beschlüsse) haben. Für Käufer ist daher entscheidend, nicht nur die Wohnung, sondern die Eigentümerstruktur der WEG zu prüfen (siehe Checkliste).

III. Die zweite Hypothek: Laufende Kosten

Neben der Finanzierung existiert eine dauerhafte Kostenebene, die unabhängig von Nutzung oder Leerstand anfällt:

  • Hausgeld: realistisch meist 3–6 €/m², bei älteren oder komplexen Gebäuden oft höher
  • Instandhaltungsrücklage: zu niedrig = Sanierungsstau / zu hoch = Liquiditätsbindung
Sonderumlagen: Bei größeren Maßnahmen (Dach, Fassade, Heizung) können fünfstellige Beträge pro Einheit kurzfristig fällig werden. Eine private Reserve von in Höhe von 15.000–25.000 € ist realistisch und oft erforderlich.

IV. Technische und regulatorische Dynamik

Technische Standards, Energieeffizienz und Modernisierungsanforderungen betreffen in der WEG fast immer das Gemeinschaftseigentum. Ob und wann Maßnahmen umgesetzt werden, entscheidet im Gemeinschaftseigentum die Mehrheit – nicht der einzelne Eigentümer.

Förderprogramme und gesetzliche Vorgaben ändern sich regelmäßig. Käufer sollten weniger auf konkrete Programme, sondern stärker auf den baulichen Zustand, den Energieausweis und die Beschlussfähigkeit der Gemeinschaft achten.

Checkliste für Käufer

  • Kaufvertragliche dingliche Rechte prüfen
  • Sondernutzungsrechte klar zuordnen (Garten, Stellplatz, Dachterrasse)
  • Baulasten, Wohnrechte, Nießbrauch prüfen
  • Vereinbarungen außerhalb der Teilungserklärung prüfen
  • Protokolle der letzten 5 Jahre prüfen
  • Beschlüsse der letzten 3 Jahre einsehen
  • Eigentümerstruktur analysieren (Mehrheitsverhältnisse!)
  • Teilungserklärung und Stimmrechte verstehen
  • Konfliktintensität der WEG bewerten
  • Rücklagenstand und Wirtschaftsplan einsehen
  • Hausgeldhistorie analysieren
  • Realistische Sonderumlagen-Reserve einplanen
  • Energieausweis prüfen
Fazit: Eigentum mit Systemrisiko

Die Eigentumswohnung eröffnet Chancen, ersetzt jedoch nicht die Autonomie eines Alleineigentümers. Käufer sollten daher nicht nur prüfen, ob sie sich den Kauf finanziell leisten können, sondern auch, ob sie bereit sind, dauerhaft Entscheidungen einer Gemeinschaft mitzutragen – selbst dann, wenn diese nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen.

Besonders dann, wenn andere die Mehrheit halten.
Disclaimer: Dieser Text dient der sachlichen Aufklärung über rechtliche und wirtschaftliche Grundlagen des Wohnungseigentums. Er ersetzt keine individuelle Beratung durch Notar, Fachanwalt oder Finanzexperten.

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